Über "Sommercross in England" erzählt John Mullineaux
Teil 2:
Von den Teilnehmerzahlen, mit denen die Sommercross-Rennen in London anfingen, war der erste Lauf des STEVENS-Sommercross gar nicht weit entfernt. So konnten sich die Starterzahlen in den Nachwuchsklassen sehen lassen, sind diese doch auch bei Strassen- und Bahnrennen nicht wesentlich höher. Verlässlich meldete ebenfalls die Hobbyklasse. Wenn auch hier der hohe Anteil, an dem Rennen fernbleibenden Meldern, den positiven Eindruck ein wenig trübte.
"Sicherlich hat das auch mit den angekündigten Unwetter zu tun und den tatsächlich herrschenden Bedingungen. Das ist aber im Radsport nunmal das "Tagesgeschäft" - hier gehört mit anderen Meldevarianten, die finanzielle und organisatorische Last des Veranstalters entzerrt. Kommerziellen Anbietern werden freizügig horrende Geldbeträge ein halbes Jahr im voraus überwiesen, ohne die Seitenlangen AGB´s wahrzunehmen. Der ehrenamtliche Vereins-Radsport guckt dagegen immer öfter und immer mehr in die Röhre. Das kann Radsport-Veranstaltungen mal ganz schnell den Garaus machen. Davor sind wir, trotz des guten Engagements unseres Titelgebers übrigens auch nicht gefeit" zieht Joerg Steffens (Cyclocross Hamburg) ein kurzes Fazit hinsichtlich der  Teilnehmerzahlen. "Wir haben mit gut hundert Teilnehmern gerechnet und zählten am Ende rund 75, die in allen Klassen an den Start gegangen sind. Darunter aber eben auch Fahrer aus Nordrhein-Westfalen, Berlin und Niedersachsen - und das ist ganz klar ein Riesen-Plus des Sommercross. Diese freuen sich auf die Startmöglichkeit bei uns und nehmen auch eine weitere Anreise für eine Teilnahme auf sich. Aber viel wichtiger für uns, die hinter der neuen Serie stehen, ist dass wir soweit gekommen sind, dass es diese Sommercross-Rennen überhaupt gibt. Es gab viele Um- und Irrwege dorthin - und uns zusätzlich hingeworfene Stolpersteine".

John Mullineaux: "British Cycling (der englische Radsport-Verband) fand unsere Idee, der Sommercross-Rennen gut, auch wenn Sie uns natürlich zunächst überhaupt nicht Ernst genommen haben. Deren Fokus liegt dann doch klar auf dem Straßen- und Bahnradsport. Unsere Sommercross-Rennen liefen unter dem Titel "Go Cross" - damit signalisierte British Cycling, dass es sich um sogenannte einfachste Rennen handelt. Ohne Preisgeld, ohne viele Regularien bei der Meldung und auch die allgemeinen Wettkampfordnungen (z.b. betreffend der Strecke) waren dabei flexibler gestaltet. Das änderte sich dann, als unsere Sommercross-Rennen immer beliebter wurden und immer höhere Teilnehmerzahlen zu verzeichnen waren". Haben die stetig steigenden Teilnehmerzahlen denn auch einen Einfluss auf die angebotenen Rennklassen gehabt? "Durchaus. Im Winter haben wir Rennen für U10, U12, ein Jugend-, Junioren- und zwei Veteranenrennen (Männer und Frauen über 40 bzw. 50 Jahren) sowie das Seniorenrennen, welches für Männer und Frauen offen ist. Bei den Sommercross-Rennen hingegen startet die U10 und U12 zusammen, wir haben ein Jugend-Rennen und ein Seniorenrennen, in dem alle erwachsenen Altersklassen mit einem kleinen Zeitabstand starten. Ausserdem ist es schon lange üblich, dass in England mit Transpondern gefahren wird. Das erleichtert die Auswertung und die Arbeit der Kommissäre sowie deren notwendige Anzahl" erklärt der Neu-Göttinger John Mullineaux.

Wie sieht es überhaupt mit den Strecken aus - wie läuft das mit einer Genehmigung? "Prinzipiell erholt sich ein im Crossrennen befahrener Kurs, in den Sommermonaten ja wesentlich schneller und besser von der Nutzung als im Winter. Dieser regeneriert in der Wachstumsperiode und wird erst gar nicht erst so sehr in Mitleidenschaft gezogen, wie bei der Winternutzung, durch das stetige befahren bei aufgeweichten Böden aufgrund von Regen oder Schnee. Aber natürlich ist es dennoch kein Kinderspiel, in jeden beliebigen Parks Londons das Okay für eine Sommercross-Veranstaltung zu bekommen. Dazu kommt das übliche: Gibt es ausreichend Parkplätze, sind Sanitäreinrichtungen vor Ort, sind Beeinträchtigungen anderer Parknutzer zu vermeiden.
Ich habe letztens mal zusammengezählt, wieviele frühere Austragungsstätten von Cyclocross-Rennen in London nicht mehr genutzt werden können, weil sie teilweise nun für den Ansturm der Teilnehmer gar nicht mehr geeignet sind - es sind über ein hundert!".
Bis es hier zu Lande soweit ist, dass zum Beispiel ein Rantzauer- oder Appelbütteler Forst  für die Durchführung eines Cyclocross-Rennens "zu klein" werden würde, mögen noch Lichtjahre vergehen. Aber bereits jetzt, gibt es kaum noch Crossrennen im Hamburger Stadtgebiet, wie es ehemals immerhin auf der Horner Galopprennbahn oder am Bismarck-Denkmal und der internationalen Cross-Elite hoch her ging.
Mit dem STEVENS-Sommercross wird damit in der selbsternannten sportlichen "Active City", wieder ein kleiner Schritt Richtung Anfang gemacht.

Und diese kleinen Schritte könnt Ihr mitgehen - denn bereits am 10/8 gibt es mit dem zweiten Renntag des STEVENS-Sommerross @Cyclocross-Land die nächste Chance zum mitmachen.


Über "Sommercross in England" erzählt John Mullineaux
Teil 1:
„Die Sommercross-Veranstaltungen haben in England einen ganz anderen Stellenwert, als herkömmliche Radsport-Events. Da diese sehr oft mitten in der Woche stattfinden, haben diese viel mehr den Charakter eines „After-Work oder After-School“-Treffens, mit vielen Bekannten und Freunden. Die ganze Atmosphäre ist viel entspannter, da die eigentlichen Zeitfenster bei Cyclo-Cross-Rennen ja eher überschaubar sind, bleibt viel mehr Zeit, sich zu unterhalten, auszutauschen oder einfach den Feierabend gemeinsam sportlich zu verbringen“ weiß John Mullineaux zu erzählen. Und wie ist das alles bei Euch auf der Insel angefangen - wo liegen die Wurzeln eurer zahlreichen englischen Sommercross-Aktivitäten? „Das hat ganz einfach auch mit der wachsenden Zahl der Teilnehmer bei den traditionellen Herbst/Winter-Rennen zu tun. Es war uns deshalb klar, und wir bekamen als Veranstalter auch sehr oft das Feedback, dass es ein größeres Interesse an Sommer-Cross Rennen gibt.“
Gibt es darüber Zahlen? „Ja, die gibt es. Zum Beispiel hatten wir in den Jahren 1999/2000 etwas mehr als 14.000 Teilnehmer bei insgesamt 191 Cyclo-Cross-Events. 2017/18 waren es über 66.000 Teilnehmer bei über 270 Cross-Rennen im ganzen Land.  Daran kann man sehr gut festmachen, welche Möglichkeiten der Cyclo-Cross-Sport den Vereinen aber vor allem den Verbänden für eine nachhaltige Nachwuchsarbeit bieten kann.“

Wie hat es bei Dir denn überhaupt mit der Leidenschaft für die Disziplin Cyclo-Cross begonnen? „Das fing mit meinem Umzug nach London an. Dort gab es zwar nur eine eher kleine Radsport-Szene damals, aber es kamen von überall her weitere Fahrer zu den dortigen Strassenrennen, so dass zu Renntagen immer sehr viele und vor allem starke Leute am Start waren. Aber mich haben schon immer eher die Randerscheinungen des Radsports interessiert - wie es eben Cyclo-Cross zu der Zeit noch eine solche gewesen ist. Das Mountainbike war wesentlich populärer aber mir fehlte da der wirkliche Spaß-Faktor. Der Ehrgeiz und die Ernsthaftigkeit gefielen mir dabei gar nicht. Beim Cyclo-Cross ist das anders. Der Einstieg in die Cyclo-Cross-Szene ist auch wesentlich einfacher - und egal wo Du Dich selbst im Renngeschehen wieder findest, bleibst Du mittendrin dabei. Auch wenn es nur um die letzten Plätze dabei geht“ so John Mullineaux. Das wiederum ist ein gutes Beispiel für die Entstehung des STEVENS-Sommercross. Dort wo es kaum bis gar keine Veranstaltungen für Mountainbikes oder Cross Country gibt, bleibt der engagierte Gelände-Radsportler sprichwörtlich auf der asphaltierten Strecke. Ist die Schnittmenge im Radsport, vom Straßenradsport bis zum Bahnradsport, von BMX bis MTB erfreulicherweise groß, hat sich längst in vielen Ländern eine Spezialisierung auf Cyclo-Cross durchgesetzt. Dort, wo es an Nachwuchs für den Sport aufgrund langjähriger Tradition und Erfolge nicht mangelt, aber eben auch dort, wo es dafür ausreichend ganzjährige, geförderte Angebote gibt und sich aufgrund dessen, ein Nachwuchs auch dafür nachhaltig begeistern läßt.

„Cyclo-Cross ist tatsächlich eine ganz famose Art und Weise, Kinder- und Jugendliche für den Radsport zu begeistern. Wir erleben es doch selbst stets aufs Neue, wenn wir bei Cross-Rennen in jeder Runde immer wieder von den Zuschauern und Freunden angefeuert werden,  Und das, was uns motiviert, vermag auch jüngere in ihren Bann zu ziehen. In Großbritannien ist Cyclo-Cross, die am stärksten wachsende Radsport-Disziplin. Gerade im Nachwuchsbereich und im Frauen-Radsport ist die Entwicklung aufgrund der Attraktivität des Cyclo-Cross sehr positiv - für den ganzen Radsport auf der Insel. Und das Wiederrum weckt das Interesse der Öffentlichkeit und Medien an unseren Sport“. Nicht grundlos ist man daher in England mehr als nur stark an einer Austragung einer Cyclo-Cross WM und weiteren World-Cups interessiert. Wo bleibt da das stets wiederkehrende Argument, wenn es um die Wahrnehmung und Förderung des Cross-Sports geht, der nicht olympischen und daher nicht förderungswürdigen Sportart?

John, wir stehen hier in diesen Tagen mit dem STEVENS-Sommercross erstmalig am Start und haben nach unzähligen Stunden in der Vorbereitung nun tatsächlich etwas wie „Lampenfieber“. Wie hat es sich bei Dir damals angefühlt, als Ihr damit begonnen habt und wie groß war das Interesse am Anfang überhaupt daran? „Als wir vor etwas über zehn Jahren mit dem Sommercross anfingen, hatten wir ca. 60 Masters-Fahrer dabei, sowie gerade mal eine Handvoll Jugend und Schüler-Fahrer. Jetzt kommen oft über 150 Teilnehmer nur in den Masters-Klassen - weshalb wir die Meldungen dafür schon manchmal limitieren müssen. Und über 30-40 Jugend und Schüler-Fahrer, die dabei sein wollen, kann man als Veranstalter natürlich nur froh sein“ fasst John Mullineaux die stetige Entwicklung in England zufriedenstellend zusammen.

Mehr über die Sommercross-Serien in England und die Organisation dahinter, folgt in Teil 2 des Gesprächs mit John Mullineaux.

3, 2, 1 - Go! Und jetzt seid Ihr dran: crosst unser "Lampenfieber" weg - beim ersten Mal des STEVENS-Sommercross am 20/7 @Cyclocross-Land. Wir freuen uns auf Euch!